„Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze, alte Gebräuche und alte Religion

hat man alles Übel in der Welt zu danken.“ Georg Christoph Lichtenberg

Sudelbücher, Heft D – 369

Ein junger Mönch hatte das Gelübde abgelegt, und eine seiner ersten Aufga-ben im Kloster war es, den anderen Mönchen zu helfen, die Handschriften

mit den kirchlichen Gesetzessammlungen, Psalmen und Vorschriften abzu-schreiben. Nachdem er eine Woche so gearbeitet hatte, bemerkte der Mönch,

dass alle ihre Unterlagen von der vorhergehenden Kopie abschrieben und nicht vom Original.

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen“

Mark Twain

Sehr verwundert darüber, wandte er sich an den Klostervorsteher. „Padre, es ist

doch so, wenn jemand bei der ersten Ko-pie einen Fehler gemacht hat, dann wird

sich dieser ewig wiederholen, und kann nie berichtigt werden, weil nichts zum Vergleichen da ist!“ „Mein Sohn“, ant-

wortete der Klostervorsteher, „das haben wir seit Jahrhunderten so gemacht. Aber im Prinzip ist an deinen Überlegungen etwas dran.“

Bild: Gesetzessammlungen

Mit diesen Worten begab er sich in die Kellergewölbe, wo in riesigen Truhen, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr geöffnet worden waren, die Origi-

nale lagerten. Und kam nicht wieder. Als fast ein ganzer Tag seit der Zeit sei-nes Verschwindens vergangen war, begab sich der beunruhigte Mönch auf der Suche nach dem Padre in den Keller.

„Mach dir deine eigenen Götter und unterlasse es, dich mit einer schnöden Religion zu beflecken“

Epikur von Samos

Er fand ihn recht bald. Der Padre saß vor einem großen geöffneten, in Kalbsleder

eingebundenen dicken Band, schlug mit dem Kopf immer wieder gegen die spitzen

Steine des Kellergewölbes und gab irgend-welche unartikulierten Laute von sich.

Sein beschmutztes, zerschrammtes Gesicht war blutüberströmt, die Haare waren zerzaust und der Blick leicht irre. „Was ist mit euch, heiliger Vater?“

Christliche Fabel: gepostet von LH

rief der erschütterte Mönch. „Was ist passiert?“„Celebrate*“, stöhnte der Klostervorsteher, „das Wort war „celebrate“ und nicht „celibate“**!

Bild: Celebrate

* celebrate – feiere, freue dich – ** celibate –  enthalte dich, die sexuelle Enthaltsamkeit; das Zölibat ist eine der Grundlagen des Katholizismus

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